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Milly Zirker - 21 Jahre alt

 

Man kennt sie kaum. Wenn überhaupt, dann wird sie nur am Rande erwähnt. Bei genauerem Hinsehen erblicken wir in der Journalistin Milly Zirker eine mutige Kämpferin gegen das NS-Regime, die Geschichte geschrieben hat. Sie war eine der Autorinnen der berühmten Weltbühne. Sie war eine der zentralen Figuren, denen es aus dem Pariser Exil heraus gelang, dass Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt. An diesem ersten Sieg gegen Hitler hatte sie nicht nur Anteil, sie war die zentrale Schlüsselfigur und Bindeglied im antifaschistischen Exil.

Geboren 1888

Milly Zirker wurde am 4. Januar 1888 in Köln geboren. Mit ihren Geschwistern Fritz, Hans, Georg und Otto wuchs sie in einer als konfliktlos beschriebenen, bürgerlichen Familie jüdischer Herkunft auf. Gemeinsam mit ihrem Bruder Otto war sie schon während des 1. Weltkrieges sozial tätig und fand so ihren Weg in die politische und ökonomische Sphäre. 

Journalistin und Friedensaktivistin

Anfang der 1920er zog es die selbstbewusste Frau nach Berlin, der Stadt der Gegensätze und Kultur, dem politischen Herz Deutschlands. Berlin war auch eine Medienstadt, hier gab es hunderte Zeitungen. Milly Zirker arbeitete als Journalistin, ihre redaktionelle Tätigkeiten sind für das „Berliner Tageblatt“, „Die Welt am Abend" und das „8 Uhr Abendblatt“ nachweisbar. Sie wurde Mitglied beim „Bund Neues Vaterland“, der sich 1922 in „Deutsche Liga für Menschenrechte“ umbenannte. Sie pflegte zu zahlreichen Politikern und Künstlern freundschaftliche Beziehungen. Dabei kommt ihrer freundschaftlichen Beziehung zu dem großen deutschen Pazifisten Hellmut von Gerlach eine besonders herausragende Bedeutung zu. Milly wurde dessen Sekretärin. Sie zählte gemeinsam mit Carl von Ossietzky, Hellmut von Gerlach, Kurt Tucholsky u. a. zu den „führenden Organisatoren“ in der „Nie wieder Krieg“-Bewegung. („Aufbau“ vom 14. Mai 1971) Jeweils am 1. August wurden Kundgebungen im Berliner Lustgarten abgehalten.

Im Parteivorstand der RPD

1924 gründete ein kleiner Kreis Berliner Intellektueller die Partei „Republikanische Partei Deutschlands“ (RPD). Zu den Gründern zählten Berthold Jacob, Carl von Ossietzky und Karl Vetter. Milly Zirker gehörte dem Parteivorstand an. („Die Welt am Montag“ vom 7.4.1924) Der Versuch, Teile der bürgerlichen Friedensbewegung und der in der DDP organisierten Linksliberalen zu einer Beteiligung an der RPD zu gewinnen, blieb jedoch bis auf wenige Einzelfälle erfolglos. Man beteiligte sich an der Reichstagswahl am 4. Mai 1924, blieb aber bedeutungslos. Schließlich wurde Milly Vorstandsmitglied in der „Deutschen Liga für Menschenrechte“.

Freundin von Hellmut von Gerlach

Die Zusammenarbeit und Freundschaft mit und zu Hellmut von Gerlach wurde immer enger. Bei einem Attentatsversuch rettete Milly ihm sogar das Leben. Milly Zirker wird in der Literatur als Freundin des verheirateten von Gerlach bezeichnet. In dem privaten Schriftwechsel ihres Nachlasses im Bundesarchiv Berlin finden wir äußerst vertrauliche und sehr persönliche Briefe von Hellmut von Gerlach an sie. Die Briefe sprechen für ein sehr inniges, vertrauensvolles Verhältnis. Sie beinhalten allerdings auch stets Anweisungen an die Sekretärin. Im Nachruf auf Gerlach, den Milly Zirker in der „neuen Weltbühne“ am 8. August 1935 veröffentlichte, gestand sie eine besondere Beziehung, indem sie schrieb „wir haben einen guten Mann begraben, mir warst Du mehr“. Hellmut von Gerlach ist in den Armen von Milly Zirker gestorben. Milly Zirker war sicher kein „Kind von Traurigkeit“ und auch nicht prüde. So finden wir in ihrem Nachlass im Bundesarchiv persönliche Briefe von Lisa Matthias, der Geliebten des Schriftstellers Kurt Tucholsky, die in ihrer bekannten Art zweideutige Anspielungen macht und sich wohl gemeinsam mit Milly über Männer amüsiert. Man ist sich offensichtlich einig, dass man keinen „Mann fürs Bett, wohl aber für den Tisch“ benötige. Milly. Zirker war sicher alles andere als verklemmt. Sie sah „die Tugend nicht geradezu als Laster, aber als eine Art Schwäche“ so zitierte Gerlach sie in einem Brief an sie am 24.6.1935.

Autorin der Weltbühne

Wenige Monate nachdem Carl von Ossietzky die Leitung der „Weltbühne“ übernommen hatte, gehörte auch Milly Zirker zum Kreis der ständigen Mitarbeiter. Mit ihren kleinen roten Heften galt die Weltbühne in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. Nach dem Verbot der „Weltbühne“ durch die Nazis 1933 schrieb Zirker bis 1938 weiter in der Nachfolgezeitschrift im Prager Exil „Neue Weltbühne“. Hauptsächlich publizierte sie unter ihrem Pseudonym „Johannes Bückler“ (Schinderhannes) In der „Weltbühne“ trat sie unter ihrem Echtnamen auch mehrmals als ausgezeichnete Übersetzerin in Erscheinung. Carl von Ossietzky schätzte die sozialwissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Beiträge seiner „guten Freundin“ (Suhr, Elke 1988, S. 62), der er uneingeschränkt vertraute. Zirker schrieb über Esperanto, galt als Expertin in der Saarfrage und wandte sich gegen Kurpfuscher. Sie hat „drei Stunden gelacht“, als sie ein Buch über Karezza-Anhänger und esoterische Erscheinungen bespricht. Bissig stellt sie fest: „Das religiöse Getue und das philosophische Geschwafel zieht immer. Und natürlich der Patriotismus.“ („Die Weltbühne“, 28. Jahrgang 2. Halbjahr, S. 561) Sie selbst nannte 1960 ihren großen Artikel „Alsdorf und Maybach“ vom 4. November 1930 als „einen meiner besten Artikel, die ich in den Jahren geschrieben habe, weil er auch immer heute noch passt.“

Im Jahre 1931 kam es zum Verfahren wegen angeblichen Landesverrats gegen den Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky. Anlass war ein Beitrag von Walter Kreiser vom 12. März 1929, in dem auf die geheime Aufrüstung in Deutschland hingewiesen wurde. Das Reichsgericht verurteilte Ossietzky als den verantwortlichen Redakteur wegen Landesverrats zu achtzehn Monaten Gefängnis. Unter den Menschen, die ihn bei seinem Gang ins Gefängnis am 10. Mai 1932 begleiteten, war auch Milly Zirker. Der Strafgefangene Ossietzky selbst musste am 1. Juli erneut vor Gericht. Es handelte sich um den sogenannten „Soldatenprozess“. Es ging um Tucholskys berühmten Ausspruch in einer Glosse „Soldaten sind Mörder“. Ossietzky wurde freigesprochen, musste aber wieder zurück in die Zelle. Milly stenografierte Ossietzkys Verteidigungsrede während des Prozesses. Dies war dann die Grundlage für entsprechende Artikel in der Weltbühne. Zwei Tage vor Weihnachten kam Ossietzky im Rahmen einer Amnestie frei.

Milly muss emigrieren

Carl von Ossietzky wurde am 28. Februar 1933 (Reichstagsbrand) erneut verhaftet. Milly Zirker hatte ihm noch geraten, nicht in seine Wohnung zu gehen. Milly und andere organisierten nun sowohl den Kontakt zum Häftling als auch zu dessen Frau Maud. Auch nach dem Verbot gilt Zirker als enge Vertraute von Gerlach und Ossietzky und wirkt als „vierte Person ungebeten“ an einer geheimnisvollen Lagebesprechung am 2. März 1933 mit. (Madrasch-Groschopp 1983, S. 308) Milly Zirker brachte Maud in ein Sanatorium, bevor sie und Hellmut von Gerlach im März nach Frankreich emigrierten.

Am 2. Juli 1936 wurde Milly Zirker offiziell aus Deutschland ausgebürgert, weil sie „durch ihr Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Volk und Reich verstieß, die deutschen Belange erheblich geschädigt“ hatte, wie es in einem Schreiben des Amtshauptmannes Dr. Tröger vom 17. August 1936 an die „Herren Bürgermeister und Gendarmerie-Posten“ heißt. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt. Sie gehörte zu den bedeutenden Emigranten in Paris, so die Feststellung des „Reichssicherheitshauptamtes“, welches sie gleichzeitig mit Rudolf Breitscheid, Heinrich Mann und Otto Wels u. a. beobachtete. Sie war als Journalistin tätig und Sekretärin der Liga der Menschenrechte, der „Ligue Française pour la Défense des Droits de l’ Homme“, sie wohnte in der rue floys 47 und publizierte im „Pariser Tageblatt“ und wurde von der dortigen Redaktion als sehr bedeutend und meinungsbildend eingeschätzt, was ein vertrauliches Manuskript an „Fräulein Zirker“ in der Angelegenheit Poliakow aus dem Jahre 1936 belegt. 

Eine prominente Größe

Ihre Artikel in der „neuen Weltbühne“ sind bis 1938 nachweisbar. Es ist auch nicht auszuschließen, dass sie weitere Artikel unter anderem Pseudonym geschrieben hat. So berichtete eine Verwandte. Milly Zirker gehörte „nach dem Ergebnis der vertraulich geführten Ermittlungen“ der Nazis zu den „prominenten Grössen“ des Verbandes deutscher Journalisten im Auslande. (Dokumente Reichsicherheitshauptamt) Sie engagierte sich im Ausschuss zur Vorbereitung einer Deutschen Volksfont in Paris. (Nachlass Merker) Sie wurde Vorstandsmitglied des Verbandes deutscher Journalisten in der Emigration. 1938 unterzeichnete sie den Gründungsaufruf für das Hilfskomitee ehemaliger Spanienkämpfer. In einer „Aufstellung über Organisationen und Personen, die mit dem „Hilfskomitee für die ehem. deutschen und österreichischen Kämpfer in der spanischen Volksarmee“ in Verbindung standen“ des faschistischen Reichssicherheitshauptamtes vom 29. September 1941 wird sie in einem Atemzug mit Albert Einstein, Thomas Mann, Rudolf Breitscheid, Franz Dahlem, Balder Olden, Gustav Regler, Ernst Toller u. a. genannt. Milly wirkte als Propagandistin für Spaniens Freiheit. „Schon 1936 untersuchen Alexander Schifrin und Milly Zirker die politischen und ökonomischen Hintergründe (…) Vier Wochen nach der Zerstörung Guernicas werden Augenzeugenberichte veröffentlicht: Milly Zirker hat protokolliert, was vier baskische Krankenschwestern aussagten, die mit einem Kindertransport in Frankreich eingetroffen waren. Die jungen Frauen schilderten den 26. April 1937, an dem die Bewohner Guernicas, als sie aus der brennenden Stadt zu fliehen versuchten, mit Bordwaffen aus tieffliegenden Maschinen ermordet wurden. Nicht von baskischen Milizen, wie die Nazipropaganda behauptete, sondern von deutschen Fliegern, aus deutschen Flugzeugen. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Hoheitszeichen der Naziwehrmacht zu überpinseln.“ (Madrasch-Groschopp 1983; S. 357)

Den Friedensnobelpreis für Ossietzky

Ihre größte historische Bedeutung erlangte Milly Zirker als Aktivistin des engeren Kreises jener Menschen, denen es gelang, dass Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt. Am Anfang ging es hauptsächlich um die Versorgung des Häftlings und den Versuch auf eine Freilassung hinzuwirken. So reiste Milly Zirker im Sommer 1934 illegal nach Deutschland. Geplant war ein Befreiungsversuch von Ossietzky. Es kam zu einem Treffen mit Hedwig Hünicke, der langjährigen Geschäftsführerin der „Weltbühne“. Einzelheiten sind nicht bekannt. Ein Jahr später war Milly in England und besuchte dort Maud Ossietzky. Carl von Ossietzky hatte in seinen Briefen an Maud immer wieder auf Milly Zirker als Vertrauensperson verwiesen. In England versuchte Milly auf Maud Einfluss zu nehmen und berichtete am 21. August 1935 mit Schrecken an Hilde Walter, dass Maud „ohne irgend einen Menschen zu fragen“ sich mit fremden Journalisten unterhalte, was für die Nobelpreiskampagne eventuell von Schaden hätte sein können.

Erstmals wurde die Idee für einen Friedensnobelpreis an Ossietzky von Georg Bernard am 16.4.1934 im „Pariser Tageblatt“ geäußert. Wenige Wochen später schlugen Berthold Jacob und Kurt Grossmann unabhängig voneinander dieses Verlangen dem Osloer Nobelkomitee vor. (Schottes 1997, S. 67) Allerdings waren sowohl der Zeitpunkt für einen Vorschlag verstrichen, als auch die Vorschlagenden nicht vorschlagsberechtigt. Gerlach war es, der dann am 18. September 1934 erstmals öffentlich die Bedingungen für eine formale Kandidatur im „Pariser Tageblatt“ erläuterte. Damit begann die eigentliche Nobelpreiskampagne. Bis zum Ende der Vorschlagsfrist für 1935, am 31.Januar, kamen sechs gültige Vorschläge zustande.

Clevere Lobbyarbeit im Hintergrund

Neben den formalen Problemen und den strategischen und taktischen Fragen war eine Kampagne für Ossietzky dadurch sehr erschwert, dass dieser außerhalb Deutschlands kaum bekannt war. Dabei durften das Nobelkomitee als auch das deutsche Außenministerium nicht erkennen, dass die Kampagne aus dem deutschen Exil gesteuert wurde. Clevere Lobbyarbeit musste systematisch geleistet werden. Mit dieser Arbeit begannen Gerlach und Zirker gemeinsam mit Hilde Walter. Gerlach starb aber schon im Sommer 1935. Auch Konrad Reisner gehörte zu dem inneren Kreis. Die Kontaktfrau zum KZ-Häftling Ossietzky in Deutschland war Hedwig Hünicke. Diese Arbeit der drei bzw. vier Antifaschisten ist jahrelang nicht bekannt gewesen, denn die Gruppe arbeitete verdeckt im Geheimen. Um diesen Kern gruppierten sich rund zwanzig weitere Personen: Deutsche Emigranten und verschiedene nicht-deutsche Helfer. Diese Gruppe nannte sich „Freundeskreis Carl von Ossietzky“. Den äußeren Mantel bildeten hunderte internationale Prominente: Politiker, Hochschullehrer, Publizisten. Sie repräsentierten gegenüber der internationalen Öffentlichkeit die Ossietzky-Kampagne im eigentlichen Sinne. Sie richteten Appelle an das NS-Regime, in denen sie die Entlassung Carl von Ossietzkys aus der KZ-Haft verlangten, oder reichten beim norwegischen Nobelpreiskomitee den Vorschlag ein, Ossietzky den Friedensnobelpreis zu verleihen. (Trapp o. J.)

So gingen dann 1936 sechsundachtzig gültige Vorschläge für Ossietzky in Oslo ein. (Schottes 1997, S. 34f) Vom Zentrum Paris aus wurden Außenstellen in London, Prag, New York, Zürich, Brüssel, Genf und Oslo aufgebaut. In Norwegen arbeitete Willy Brandt. Man sammelte Geld und gewann Professoren, Schriftsteller und Politiker rund um den Erdball, so Heinrich und Thomas Mann, Romain Rolland, Ernst Toller und Albert Einstein. Dabei verfolgte der Freundeskreis in erster Linie folgende Taktik: Man wandte sich an ausländische Prominente mit der Bitte, dass diese auf ihre Regierungen einwirkten, damit diese dann zugunsten von Ossietzky bei den Nationalsozialisten intervenierten. Die Information über eine solche Intervention war dann Grundlage für entsprechende Meldungen in der Presse der jeweiligen Länder. Diese Meldungen über Ossietzky wurden nun durch den Freundeskreis in der Exilpresse lanciert. „Mit dieser Art des Vorgehens wurden auf sehr geschickte Weise Vertraulichkeit und Publizität miteinander verbunden.“ (Trapp 1989)

Besondere Berühmtheit erlangte eine Denkschrift mit dem Titel „Den Friedens-Nobelpreis in das Konzentrationslager“. Dort finden wir Texte von Heinrich Mann, Konrad Heiden, Albert Einstein, Thomas Mann, Romain Rolland und Wickham Steed, die Ossietzky umfassend würdigen. Ausführlich wird beschrieben, wie man einen Vorschlag für den Friedensnobelpreis einreichen muss. Dieses streng vertrauliche Dokument haben Milly Zirker und Hilde Walter zusammengestellt. (Trapp, Bergmann, Herre 1988, S. 133) 

Die synergetischen Effekte und die Brückenfunktion der Milly Zirker

Auch andere Kräfte bemühten sich um Ossietzky. Verschiedene Ausschüsse, meist unter Beteiligung der KPD, nannten neben Thälmann und Mierendorff auch Ossietzky in ihren Aufrufen. Ihre Strategie war es, öffentlichen Druck zu erzeugen. Eine solche Strategie stand in bestimmten Umfang im Gegensatz zur Arbeit des Freundeskreises. Dies wird von Trapp u. a. auch immer wieder betont. Millys Rolle und die Freundschaft von Hilde Walter zu ihr wird in erster Linie darin gesehen, „um das politische Anliegen sicher durch Fährnisse von Parteienkonflikten, Rivalitäten und Eifersüchteleien zu steuern.“ (Trapp, Bergmann, Herre 1988) Gerade für die sich entwickelnde Volksfrontpolitik war aber das öffentlichkeitswirksame Agieren der Kommunisten und ihrer Verbündeten von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Es waren gerade die synergetischen Effekte aller Widerstands- und Protestformen, die den Erfolg der Ossietzky-Kampagne ausmachten. Innerhalb dieser verschiedenen Kräfte kam Milly Zirker in der konkreten historischen Situation eine besondere Brückenfunktion zu, da sie über die organisatorischen Erfahrungen und über die entsprechenden Kontakte verfügte. Zirker war durch ihre unterschiedlichsten Funktionen mit den verschiedenen antifaschistischen Gruppen im Exil vernetzt. Von Bedeutung war dabei ihre Mitarbeit im Ausschuss zur Vorbereitung einer Deutschen Volksfront. So war sie Teilnehmerin der Volksfrontverhandlungen im Pariser Hotel Lutetia. Sie übte auch hier eine besondere Mittlerfunktion zwischen dem bürgerlichen und kommunistisch orientierten Exil aus und hatte großen Anteil daran, dass Hellmut von Gerlach sich die Parole „lieber einen Meter zu weit links, als einen Zentimeter zu weit nach rechts“ zu eigen machte. (vergleiche Nachruf auf Hellmut von Gerlach in „Die neue Weltbühne“ vom 8. August 1935) Milly Zirker verfügte über zahlreiche Vorerfahrungen in der Organisation von Solidaritätsaktionen, Aufrufen, Protesten etc., so hatte sie schon in Berlin mit Ossietzky, Lehmann-Rußbüldt, Toller, Grossmann u. a. dem Vorstand der Liga der Menschenrechte angehört. Ihre Brückenfunktion zwischen den verschiedenen Kräften des Exils und des antifaschistischen Widerstandes war für den Erfolg der Nobelpreiskampagne von zentraler Wichtigkeit.

Heinrich Mann: "Unser erster Sieg"

Als Ossietzky dann den Friedensnobelpreis im November 1936 für das Jahr 1935 erhielt, konnte Heinrich Mann vermerken: „Unser erster Sieg“. Erstmalig in der Geschichte des Nobelpreises war es gelungen, mit der Vergabe eine politische Demonstration zu erreichen, „denn es war der erste Preis, der einer Person zugesprochen wurde, die für ihre Friedensüberzeugung von der eigenen Regierung verfolgt wurde.“ (Abrams, I. 1995) Erstmalig war es gelungen Menschen der unterschiedlichsten Weltanschauungen, verteilt über den ganzen Erdball, gegen den Hitlerfaschismus zu mobilisieren. Dazu bedurfte es eines großen Demokraten wie Carl von Ossietzky, dem mit Fug und Recht der Friedensnobelpreis zugesprochen werden konnte. Aber, dazu bedurfte es auch großer Bewegungen in den verschiedenen Ländern, die dies mit Nachdruck vertraten. Und es bedurfte drittens einer kleinen, cleveren Gruppe, die unermüdlich koordinierte, die vorschlagsberechtigte Persönlichkeiten zur Vorschlagsabgabe bewegte und diese Kampagne steuerte.

Das deutsche Außenministerium hatte die Nobelpreisvergabe nicht zu verhindern vermocht. Nach seinen Erfolgen in der Saarfrage, nach der Rheinlandbesetzung und dem Ansehen, dass Nazideutschland nach den olympischen Spielen 1936 in Berlin genoss, war dieser Nobelpreis für den KZ-Häftling Ossietzky tatsächlich eine erste beachtliche Niederlage für das Naziregime. Mit dem Friedensnobelpreis für Ossietzky war es gelungen, die Weltmeinung zu beeinflussen. Das war eine wichtige moralische Niederlage für die Nazis, ein „Triumph des Weltgewissens“ wie Georg Bernard es nannte. Und diese schallende Ohrfeige war ein sichtbares Zeichen des Anfangs vom Ende der braunen Machthaber.

Adolf Hitler tobte. Niemals mehr sollte ein Deutscher einen Nobelpreis annehmen dürfen. „Um für alle Zukunft beschämenden Vorgängen vorzubeugen, verfüge ich mit dem heutigen Tage die Stiftung eines Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft,“ so hieß es im Erlass des „Führers und Reichskanzlers“ am 30. Januar 1937, dem vierten Jahrestag der „Machtübernahme“. Demnach wurde allen Deutschen „die Annahme des Nobelpreises … für alle Zukunft“ untersagt. Nun, dank den Alliierten kam es anders, der erste Sieg dazu war mit der Verleihung des Nobelpreises erfolgt, das Anfang vom Ende der Barbarei war gemacht - und Milly Zirker hatte daran ihren Anteil. „L.W.“ bewertet im Nachruf in der Zeitschrift „Aufbau“ am 14.5.1971 Millys Rolle, wie folgt: „Es war Milly Zirker, die die Welt auf den im Konzentrationslager leidenden Ossietzky aufmerksam machte, und ihrer Energie ist es zu danken, dass er 1935 den Friedensnobelpreis bekam.“

Flucht in die USA und Mexiko

Am 4. Mai 1938 starb Ossietzky in dem Berliner Krankenhaus Nordend, noch immer unter Polizeiaufsicht, an den Folgen der KZ-Haft.

1940 wurde Milly Zirker in Gurs (Südfrankreich) interniert. Sie konnte fliehen und kam über Portugal kommend 1941 mit dem Schiff „Serpe Pinto“ in den USA an. Sie lebte in Mexiko und den USA, „wo ihr keine Arbeit zu niedrig war,“ so im Nachruf im „Aufbau“ am 14.5.1971. Sie arbeite als „Hausdame“ in einem Hotel und als Fremdsprachenkorrespondentin. Sie erlangte die amerikanische Staatsbürgerschaft. In ihrem Exil in den USA und Mexiko verstummte ihre journalistische Stimme. Lediglich einen Artikel im „Aufbau“, dem Nachrichtenblatt des German-Jewish Clubs kann von mir nachgewiesen werden. Eine Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1960 belegt allerdings, dass sie weiterhin eine politische Frau war, die am Zeitgeschehen Anteil nahm. So engagierte sie sich gegen den Vietnamkrieg. Sie musste sich den Restriktionen für Einwanderer in den USA beugen und litt vermutlich unter der McCarthy-Ära 1948 bis etwa 1956 in den USA. An eine Rückkehr nach Deutschland dachte sie aber nicht. Sie gehörte zu den Freunden des Lyrikers Paul Mayer. Paul Mayer gehörte mit Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, André Simone, Bodo Uhse und Ludwig Renn zu jenen Schriftstellern, die während des Zweiten Weltkrieges im berühmten Verlag „El Libro Libre“ in Mexiko wirkten. Kontakt hatte sie auch nach dem Krieg zur Zeitschrift „Aufbau“. Noch während des Krieges hat sie sich an Diskussionen über völkerrechtliche Bewertungen eines Kriegsverbrecherprozesses beteiligt. Milly bedauerte, dass sie keine Zeit habe, um Artikel zu schreiben.

Nach dem Krieg war Milly noch zweimal in Europa, davon einmal in Deutschland. Später lebte Milly Zirker mit ihrer alten Freundin Anna Mayer in Mexiko-Stadt zusammen. Gestorben ist Milly Zirker am 12. April 1971 in Florida.

 

Es ist an der Zeit, diese emanzipierte Frau der Vergessenheit zu entreißen. Sie ist eine Frau der deutschen Geschichte und eine Zeugin des Aufbruchs der Frauen im letzten Jahrhundert In diesem Sinne hat sie aktiv an der Völkerverständigung gelebt und organisiert, hat Brücken gebaut und starb als Deutsche im Exil, die wie es im Nachruf im „Aufbau“ vom 14. Mai 1971 heißt als „eine nie ermüdende Kämpferin für den Frieden, die sich trotz vieler Enttäuschungen nie entmutigen liess.“


Weitere Informationen:

 

  • Exil-Archiv der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft: link
  • Biografie bei wikipedia: Link 
  • Michael Quetting: Vorkämpferin für Demokratie, Völkerverständigung und Frieden. Milly Zirker an der Seite Hellmut von Gerlachs. In: Christoph Koch (Hrsg.) Vom Junker zum Bürger. Hellmut von Gerlach – Demokrat und Pazifist in Kaiserreich und Republik, 
    München 2009, S. 19 – 48.
  • Michael Quetting: Milly Zirker 1888 - 1971
    Journalistin und Organisatorin, Friedensaktivistin und Nazigegnerin, die Nobelpreismacherin
    St. Ingbert 2007
  • Michael Quetting: Milly Zirker - Brücke im Exil
    Brückenbauen / [Hrsg. Rochow-Museum und Akademie für Bildungsgeschichtliche Forschung e.V. an der Universität Potsdam, Reckahn. Red. Karl-Walter Beise …]
    Berlin 2008 

 


Michael Quetting, St. Ingbert | Michael@Quetting.eu